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Hey, Ich bin hier!

Ein Besuch im Waisenhaus Phayathai Babies‘ Home in Pakkred – eine ernst zu nehmende ehrenamtliche Aufgabe. – Von Agnes Deblond, Fotografie: Jason Tonio Woerner

 

Zehn kleine Kinderlein, die fingen an zu schreien, das eine war besonders laut, da ging es ab ins Heim.

Neun kleine Kinderlein, die zerrten an Mamas Rock, das eine zog besonders stark, da musste es einfach fort.
....
rei kleine Kinderlein, die aßen vor Hunger Fliegen, die Mama die war weggerannt und ließ sie in den Strassn’ liegen.

Zwei kleine Kinderlein, warn von Beginn an infiziert, die Familie sah das gar nicht gern, drum ließen sie sie einfach hier!

Ein schlichter Begleitbesuch im Kinderheim sollte die Aufgabe eines Tages sein. Ein bisschen spielen, lachen, Freude verbreiten, hieß es, und mit dieser Einstellung war der Eintritt ins Waisenhaus „Phayathai Babies‘ Home“ getan.

Der Eindruck war beim Betreten des Geländes positiv. Sauber, gepflegt und relativ neu. Wir betreten das Verwaltungsgebäude, um uns als Besucher anzumelden. Als ehrenamtliche Mitarbeiter werden wir gesehen und erhalten eine Art Kittel, um unser Erscheinen auch kleidungsmäßig zu komplettieren. Noch weit entfernt von der Kinder-Spielzone wurden wir dennoch von den ersten, quirligen und alles andere als scheuen Heimbewohnern entdeckt. Wie anschmiegsame kleine Kätzchen drängten sie sich um den erwachsenen Körper, auf der Suche nach einer warmen,
fürsorglichen Hand ...

... mein rechter, rechter Platz ist leer

Das Phayathai Babies‘ Home ist ein Waisenhaus,das Kinder unter fünf Jahren aufnimmt. Es sind Säuglinge und Kleinkinder,die von ihren Müttern an öffentlichen Plätzen ausgesetzt wurden. Zurückgelassen in den Straßen oder Krankenhäusern, von Eltern misshandelt und teilweise schutzlos deren Mordgedanken ausgesetzt.
Unter den 270 hier lebenden Waisen befinden sich aber auch Babies und Kinder,deren Eltern eine Zeitlang überfordert sind durch düstere Zukunftaussichten. Diese Eltern bzw. Mütter haben nicht vor, ihre Kinder zu Waisen werden zu lassen, sondern nutzen die Chance, ihre Kinder in schützende Hände zu geben, während sie versuchen, ihre Lebenslage zu verbessern.
Zum Pflegepersonal gehören neben einem Psychologen und drei Krankenschwestern noch 140 Pflegerinnen, die sich im Zwei-Schichten-System rund um die Uhr um die kleinen Schützlinge kümmern.
Im Phayathai Babies‘ Home gibt es je nach Altersgruppe verschiedene Stationen, in denen hier und da auch leicht bis mittelschwer behinderte Kinder gemeinsam mit gesundenKindern aufwachsen.
Nur eine Station ist gesondert: Die der HIV-Infizierten. Ein ungeschmückter, farbloser Raum, zu dessen Interieur kleine einfache Kinderbettchen zählen, in denen traurig dreinschauende Windelträger sehnsüchtig auf ein bisschen Unterhaltung warten. Auf der Gesundheitsebende hat sich hier einiges getan. Denn lag die Sterberate vor sechs Jahrennoch bei drei Kindern pro Monat, liegt sie seit mittlerweile einem Jahr bei drei Kindern pro Jahr, dank der zu 80 Prozent vom Staat getragenen medizinischen Versorgung und weiteren Spenden.

Morgen gehts nach Hause, ja?

Das Phayathai Babies‘ Home nimmt nur temporär Kinder auf, da es sehr bemüht ist, gerade bei ausgesetzten Kindern die leiblichen Eltern und Verwandten oder neue Familien für die Waisen zu finden.
Der Psychologe Apichet Panjarat erklärte, dass bisher von ungefähr 30 Prozent der hier lebenden Waisen die Familien ausfindig gemacht werden konnten und entweder Eltern
oder Großeltern die Kinder wieder aufnahmen. In Fällen der familiären Ablehnung des Kindes oder bei Vollwaisen, wie es für die meisten HIV-infizierten Kinder zutrifft, besteht die Möglichkeit der Adoption. Jährlich werden 130 Kinder aus dem Phayayhai Babies‘ Home adoptiert. Die meisten Adoptiveltern kommen aus den USA und Europa, während
30 Kinder pro Jahr von thailändischen Familien angenommen werden. Ein Kind zu adoptieren erstreckt sich mittlerweile über einen Zeitraum von neun Monaten, in denen sicher gestellt wird, dass Eltern und Kind genügend Zeit haben sich einander anzunähern. Dafür hat das Phayathai Babies‘ Home einen beeindruckenden Spiel- und Gesellschaftsraum eingerichtet, der vor bunten Farben und übermäßigem
Spielzeug nur so strotzt. Der Adoptionsprozess wird aber nur dann in die Wege geleitet, wenn mit Sicherheit festgestellt werden konnte, dass die leiblichen Eltern entweder bereits verschieden, nicht auffindbar oder unwillig sind, ihre eigenen Kinder zurückzunehmen.
Denn im letzteren Fall besteht immer noch die Hoffung, dass die Eltern, ja gerade minderjährige oder junge, sich schämende Mütter, zur Vernunft kommen. Aus diesem Grund setzt sich das Waisenhaus eine Wartefrist von bis zu sechs Monaten, bevor sie ein Kind entgültig zur Adoption frei geben.
Stellt sich jedoch die Frage, was mit den Kindern passiert, für die kein dauerhaftes Zuhause gefunden werden kann. Gemeint sind Kinder, die z.B. eine Behinderung haben oderHIV-infiziert sind. Denn dass körperlich-geistig benachtteiligte und todgeweihte Kinder einen schweren Stand in der thailändischen Gesellschaft haben, ist kein Geheimnis.

Haben die Kinder das sechste Lebensjahr erreicht und wenig Aussicht auf ein neues Zuhause in einer Familie, müssen sie ihr gewohntes Umfeld verlassen und sich in einem neuen Waisenhaus wieder einfinden. So kommen Aidswaisen in ein Heim nach Chiang Mai, während die anderen Kinder geschlechtlich getrennt in Mädchen- oder Jungenwaisenhaus verstreut in Thailand unterkommen.

Was soll ich denn In Chiang Mai?

Verbringt ein Kind im schlimmsten, aber dennoch häufigsten Fall mehr als ein Jahrzehnt ohne elterliche Fürsorge und Zuneigung, so wirft das eine neue Frage bezüglich der Verantwortung des Waisenhauses auf. Denn was macht ein staatliches Waisenhaus in Thailand, um Kinder in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen eine faire Chance zum
Leben zu geben?
„Kinder des Phayathai Babies‘ Home erfahren soziale Integrität, indem sie in öffentliche Kindergärten gehen. Sind sie im schulfähigen Alter und bereits auf andere Waisenhäuser aufgeteilt, besuchen sie öffentliche Schulen in ihrer neuen Umgebung.Staatliche Waisenhäuser übernehmen sogar die Studiengebühren für Waisen mit guten schulischen Leistungen. In solch einem Fall dürfen sie bis zu ihrem Bachelor Abschluss im Waisenhaus leben und müssen nicht wie die anderen, die sich für einen
Arbeiterberuf entscheiden, das Heim mit 18Jahren verlassen. Vor einigen Jahren noch undenkbar, werden mittlerweile auch Aidswaisen in öffentlichen Kindergärten und Schulen akzeptiert, so der Psychologe Apichet Panjarat, der diese Entwicklung mit Stolz den Waisenhäusern zurechnet.

im gesp räch mit Apichet Panjarat

Der Psychologe Apichet Panjarat, ein fröhlicher,wenn auch von Sorgen gezeichneter Mann, arbeitet seit acht Jahren im Waisenhaus Phayathai Babies‘ Home. Ein Mann, der seine Aufgabe zur Pflicht macht. In den ersten vier Jahren seiner Arbeit im Waisenhaus konnte er seine Ideale noch durchsetzten und jedes Kind im Heim einzeln therapieren. Nichts scheint ihn glücklicher zu machen, als etwas bewirken zu können. Manch ein Schicksal eines Kindes stimmt ihn besonders traurig und auch wenn er Vorgeschichten nicht ändern kann, so sieht er es doch als seine Mission, wenigstens den weiteren Verlauf der Kindheit besser zu gestalten. Doch wie so oft, erschweren staatliche Restriktionen auch hier die Arbeit im Waisenhaus.

Wie sieht ein Kind-Entwicklungsprojekt aus?Welche besonderen Aktivitäten lassen sich dieSpezialisten, die vom Kinderheim angestelltsind, einfallen?

AP: Wir bereiten die Kinder auf die Schule vor, indem wir sie mit drei Jahren in den Kindergarten schicken. Haben die Kinder motorische Schwierigkeiten oder hängen der altersgerechten Entwicklung etwas hinterher, versuchen wir sie hier zu therapieren. Wir unternehmen mit ihnen auch Gruppenausflüge wie beispielsweise in den Park oder Zoo.
Auch der Besuch eines Supermarktes ist für manche Kinder eine ganz neue Erfahrung. Es gab z.B. mal ein Kind, das wir, wie viele andere auch, aus unwürdigen schlechten Verhältnissen holten. In der Gruppe gingen wir gemeinsam zum Einkaufen und dieses Kind hatte doch tatsächlich noch nie ein abgepacktes Huhn gesehen! Der Supermarkt mit all seiner Auswahl an Lebensmitteln und Gegenständen
war eine völlig neue, für diesen Tag vielleicht auch etwas überfordernde, Erfahrung.

Gibt es eine Geschichte zu einem bestimmten Moment oder Ereignis, die Sie optimistisch stimmt oder stolz macht auf ihre Arbeit hier?

AP: Es macht mich sehr sehr glücklich Kindern zu helfen. Manchmal werden die eigenen Kinder wochenlang isoliert zu Hause eingesperrt. Erfahren wir davon, zeigen wir die Eltern wegen Kindesmisshandlung an und schicken die Kinder zu den Großeltern. Meist wissen diese gar nichts von den Machenschaften und der Brutalität ihrer Kinder zu ihren Enkelkindern. Es kommt vor, dass sowohl Großeltern, als auch Enkelkinder heute noch dafür dankbar sind und teilweise sogar zu Besuch kommen. Diese Dankbarkeit zu erfahren gehört zu den schönsten Momenten.

Einmal wurde beispielsweise ein Kind besonders anhänglich und war völlig fixiert auf mich. Der kleine Junge wurde von seiner drogensüchtigen Mutter ausgesetzt, indem sie während einer Fahrt mit dem Motorradtaxi einfach vom Fahrzeug sprang. Das Kind wurde vom Motorradfahrer ins Heim gebracht, konnte nicht richtig sprechen, ja noch
nicht einmal die Namen seiner Eltern sagen. Das einzige, was er immer wiederholte, war der Ausdruck „Thai Arrow“. Es brauchte einige Zeit Recherche bis ich herausgefunden hatte, ob es sich dabei um die T-Shirt Marke oder eine Fabrik für Autoteile handelte. Ich machte ein Foto von dem Kleinen und begab mich auf die Suche nach den Eltern. Das Kind weinte sich währenddessen jeden Tag die Augen aus! Nach einiger Zeit war Licht zu sehen, denn eine ältere Fabrikmitarbeiterin erkannte ihren kleinen Neffen auf dem Foto.

Während die Mutter unauffindbar blieb, wurde der Vater bereits aus dem Gefängnis entlassen, starb aber drei Monate nach seiner Entlassung an einer Überdosis Heroin. Das Kind wurde schließlich von seinen Großeltern aufgenommen und entwickelt sich prächtig.

Was wäre für Sie eine mögliche Erfolgsgeschichte für eines ihrer Kinder, nachdem sie das Waisenhaus verlassen?

AP: Wir haben weniger Erfolgsgeschichten zu erzählen, sondern eher Fälle. Wenn die Kinder adoptiert werden und ein besseres Zuhause bekommen, ist dass doch schon ein
kleiner Erfolg für uns. Wenn die Kinder studieren können, um mehr aus ihrem Leben zu machen, ist das ein noch viel schönerer Erfolg.

Zwei Fälle, an die ich mich erinnere, waren ein aufgeweckter Junge, der hier im Heim lebte und heute erfolgreicher Unternehmer in der Medienbranche ist. Ein anderer ist sogar Firmenchef einer Schuhfirma geworden. Eine Waise des Phayathai Babies´ Home hat später sogar Ernährungswissenschaften studiert, arbeitet aber nun seit neuestem als Pflegerin bei uns. Ihre Entscheidung ins Heim zurückzukehren und ihr Wissen für unsere Arbeit von Nutzen zu machen, macht uns stolz!

Ist es möglich eine Patenschaft für ein Kind zu übernehmen?

AP: Eine Patenschaft zu übernehmen ist leider nicht möglich. Wir sind ein staatliches Kinderheim, an das man zwar finanzielle Spenden geben kann, aber diese werden gerecht aufgeteilt auf alle, indem wir Kleidung oder Lebensmittel davon kaufen.

Was erhoffen Sie sich für die Zukunft des Waisenhauses
Phayathai Babies´ Home?

AP: Ich würde mir wünschen, dass Eltern ihre Kinder nicht misshandeln oder einfach sorglos zurück lassen. Dass sie sich im Klaren sind, was sie ihren Kindern mit ihrer Rücksichtslosigkeit antun.

Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Pflegefamilien oder gar ehrenamtliche Mitglieder finden könnten, um den Kindern ein richtiges Leben in Liebe und Geborgenheit zu geben und ihnen bei ihrer Sozialisierung zu helfen. Unser Pflegepersonal tut was es kann, um den Kleinen ein Heim zu bieten. Aber 270 Kindern die Wärme einer Mutter zu ersetzen, schaffen auch sie nicht!

Wie feiern Sie mit den Kindern Songkran?

AP: Wir werden ein traditionelles Songkran feiern. Wir werden mit den Kindern Opfergaben in ein Wat bringen, Sandstupas bauen und Waschungen vornehmen. Wir werden keine Wasserschlachten durchführen, nicht so wie auf der Khao San Road, sondern wir wollen mit den Kindern die religiösen Zeremonien durchführen und deren Hintergründe lehren.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Info Box

Jedes Kind im Waisenhauses ist dankbar für ein bisschen Aufmerksamkeit, die es nicht mit vielen anderen Kindern teilen muss. Wer es einrichten kann, als sogenannter Volunteer regelmäßig mit Spiel und Spaß auszuhelfen, wird die schönsteBelohnung der Welt erhalten: Freude und Dankbarkeit! Wer eine ehrenamtliche Mitarbeit ausschließt, aber dennoch gerne helfen möchte, kann sich jederzeit mit Sach- oder Geldspenden an die unten aufgeführte Adresse wenden.

Das Phayathai Babies’ Home ist vom Victory Monument in 20 Minuten einfach zu erreichen. Minibusse fahren in kurzen Abständen täglich nach Pakkred.

78/24 Phumwet Road, Bangtalat, Pakkred,
Nonthaburi, 11120 Thailand
Kontaktnummer: +66 (0) 2584-7254-55
www.phayathaibabieshome.com

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